Leseprobe: Aus „Feuerkind, Kapitel Elf: Die Stadt unter Glas.“

Das Zimmer war leer.
Das bleiche Licht der ersten Dämmerung fiel durch einen kaum handbreiten Spalt zwischen den Gardinen auf nackte Wände und einen kahlen Fußboden. Nur ein einziges Möbelstück befand sich im Raum: Ein kleiner Tisch in der Ecke gegenüber. Darauf stand etwas, das wie eine große Salatschüssel aus klarem Glas aussah, die jemand umgestülpt hatte. Und von dort kam das Geräusch.
Zoe fröstelte. Zögernd traten sie und Florian näher. Mit jedem Schritt schien es kälter im Zimmer zu werden. Ihr Atem stand in weißen Wolken in der stillen Luft. Vor dem Tisch blieben sie schließlich stehen. Und was sie dort sah, verschlug Zoe völlig die Sprache.
Sie neigte sich weiter herunter, um besser sehen zu können, rieb sich ungläubig die Augen und blinzelte heftig – doch das Bild verschwand nicht, und sie wachte auch nicht aus einem verrückten Traum auf.
Unter der Kuppel aus Glas, winzig klein und doch so täuschend echt, dass es vollkommen unmöglich schien, stand ein Modell von ihrer Stadt und der Umgebung. Die zwei Badeseen, die Schule, das Rathaus, ihre Wohnsiedlung, die Innenstadt – alles war bis ins Detail erfasst und nachgebildet. Und wie in der Realität war all das von einer dicken weißen Schneeschicht bedeckt.
Wie eine riesige Schneekugel!, dachte Zoe, und beinahe hätte sie dem Drang nachgegeben, das Modell in die Hand zu nehmen und es zu schütteln. Sie konnte den Blick kaum losreißen. Erst als Florian neben ihr zischend den Atem entweichen ließ, schreckte sie auf.
Florian starrte aus geweiteten Augen auf die Kuppel und das Modell darunter. Seine Lippen bewegten sich stumm.
„Was bedeutet das?“ Ihre eigene Stimme klang dünn und belegt in Zoes Ohren. Plötzlich hatte sie das dringende Bedürfnis, wegzulaufen, diesen Ort zu verlassen, bevor jemand sie erwischte. Es war gefährlich hier, das spürte sie deutlich. Viel gefährlicher, als sie jemals hätten ahnen können.
„Ich weiß es nicht.“ Florian schüttelte langsam den Kopf. „Es … ist schmutzig. Es ist nicht richtig.“
„Wie meinst du das?“
Florian antwortete nicht sofort. Er schien von der Glaskuppel wie hypnotisiert zu sein. Seine Wangen hatten sich gerötet, und nun fiel Zoe auch auf, wie viel Hitze er plötzlich ausstrahlte. Die Oberfläche der Kuppel begann zu glänzen. Ein Tropfen bildete sich und rann die Wölbung hinab – und nun erkannte Zoe es auch. Das war gar kein Glas. Das war Eis.
Mit einer seltsam ruckartigen Bewegung löste sich Florian aus seiner Starre und schob die Ärmel seiner Jacke ein Stück nach oben.
„Es sollte nicht hier sein.“
„Florian?“ Zoes Stimme kratzte in ihrer Kehle. Er klang so merkwürdig!
„Ich zerstöre es.“
„Florian!“ Zoe spürte, wie ihr vor Angst ganz kalt würde. Er klang wirklich merkwürdig! So fremd, als wäre das gar nicht er, der da neben ihr stand und die Hand nach der Kuppel ausstreckte. Eine Hand, deren Fingernägel sich unter Zoes bestürztem Blick allmählich schwarz färbten.
Eben in diesem Augenblick vibrierte Zoes Handy in ihrer Jackentasche. Erschrocken griff sie danach. Adrian. Dann war Frau Sumoneit auf dem Weg hierher? Jetzt stieg Panik in Zoe auf.
„Florian!“
Er schien nicht einmal bemerkt zu haben, dass sie ihr Handy aus der Tasche geholt hatte. Zoe streckte die Hand nach seinem Arm aus, der sich unaufhaltsam weiter auf die Kuppel zu bewegte. Sie wollte nach ihm greifen, ihn aufhalten. Sie mussten hier verschwinden, und zwar sofort! Doch als er den Kopf wandte und sie ansah, schreckte sie entsetzt zurück. Seine Augen brannten. Die sonst so freundliche Iris flackerte in wildem Feuer, die Pupillen glühten in grellem Rot.
„Fass mich nicht an.“
Zitternd wich Zoe einen Schritt zurück. Nein, dachte sie, das war nicht gut! Es war gefährlich! Die Angst, die sie schon damals gespürt hatte, auf dem See, war wieder da und wütete in ihrem Magen, dass ihr übel wurde. Und wie damals wäre sie am liebsten schreiend davon gelaufen, während sie gleichzeitig nur auf das schrecklich faszinierende Wesen starren konnte, das Florian geworden war.
Florian legte die Hände auf die Eiskuppel. Heißer Dampf stieg zischend in die frostige Luft. Eine Erschütterung lief durch den Tisch und setzte sich durch den Fußboden fort. Der Schnee auf den winzigen Dächern des Stadtmodells wirbelte auf – und im gleichen Augenblick brach draußen vor dem Fenster mit Heulen und Tosen ein Schneesturm los. Die Fenster wackelten, der Wind jagte kreischend ums Haus, und die Temperatur in dem kleinen Raum sank binnen Sekunden um etliche Grad.
Zoe stand wie versteinert. Weg, dachte sie nur noch, weg hier! Aber sie konnte keinen einzigen Schritt tun, weder zur Tür, noch hin zu Florian.
Nun brach das Feuer aus seinen Fingern hervor, knisternde, lodernde Flammen, die an der Eiskugel leckten, als wollten sie sie verschlingen. Der Geruch von verbranntem Stoff drang beißend in Zoes Nase, als Florians Ärmel in verkohlten Fetzen zu Boden fielen.
Dann plötzlich loderte das Feuer gleißend auf. Florian keuchte erschreckt, und Zoes Augen weiteten sich. Das war doch nicht möglich! Das Eis … wehrte sich!
Die Flammen zuckten. Erstarrten immer wieder für Sekundenbruchteile, während das Eis seine Form veränderte und sich um Florians Hände schloss. Ein Schrei brach aus seiner Kehle, während eine glitzernde Schicht aus gefrorenem Wasser seine nun nackten Arme empor kroch und das Feuer zu ersticken drohte.
„Lass doch los!“, rief Zoe. „Lass die Kugel los!“ Ihre Stimme überschlug sich vor Angst. Jetzt endlich konnte sie sich wieder bewegen, und noch bevor sie selbst begriff, was sie tat, war sie vorgestürmt und hatte die Arme um Florians Brust geschlungen. Hitze überschwemmte sie, als wäre sie kopfüber in einen Backofen gefallen. Krachend stürzte der Tisch um, als sie gemeinsam ein paar Schritte rückwärts stolperten. Doch die Kuppel blieb fest mit Florians Händen verbunden und riss sie beide mit sich zu Boden.
„Hilfe …“, hörte Zoe ein gebrochenes Flüstern und erkannte mit Entsetzen Florians verängstigte Stimme. „Hilf mir, Zoe!“
Tränen schossen ihr in die Augen, und sie umklammerte seine Brust noch fester. „Was denn? Was soll ich denn tun?“
Wieder schrie Florian auf. Sein Schrei drohte Zoes Kopf zu sprengen.
Und dann plötzlich war es, als ob alle Wärme mit einem Schlag aus ihrem Körper gesaugt würde, von ihr fort und in Florian hinein floss.
Sie konnte das Feuer fühlen!
Wie ein glühender Ball pulsierte es unter ihren Händen in Florians Brust, wuchs und wuchs, während eisige Kälte Zoes Glieder gefrieren ließ. Wilde Angst ergriff sie, als sie es begriff: Das Feuer hatte einen Zugang zu ihrem Körper gefunden! Es ernährte sich von ihr!
Brüllend loderten die Flammen auf und sprengten den Eispanzer um Florians Arme. Geblendet kniff Zoe die Augen zusammen und hörte sich selbst vor Schmerz aufheulen, doch sie konnte nicht loslassen. Sie roch verbrannte Haare und spürte, wie ihre Haut unter der Hitze riss und Blasen warf. Ein grelles Klirren, wie von zerspringendem Glas, drang an ihre Ohren.
Dann schwanden ihr die Sinne.
Undeutlich spürte sie noch, wie Florian schwer auf sie fiel. Ein kalter Luftzug streifte ihr Gesicht. Der Boden unter ihr löste sich langsam auf und ließ sie schwerelos zurück.
„Endlich habe ich dich“, sagte eine entfernte Stimme, kurz bevor die Dunkelheit sie endgültig umschloss.
„Feuerkind …“

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