Leseprobe: „Mein Name ist Wind“

09. Juli 2007 – Nichts geht mehr
Ich bin ein Vampir. Vielleicht auch ein Grottenolm. Diese kleinen weißhäutigen Würmer, die ihr ganzes Leben in Unterwasserhöhlen verbringen. Irgendwie so was.
Das Licht jedenfalls frisst mich auf.
Dortmund im Sommer. Es ist heiß. Und staubig.
Zugegeben, ein bisschen komisch komme ich mir schon vor, bei über fünfundzwanzig Grad im Schatten im Kapuzenpullover herumzulaufen, und zusammen mit der fetten Sonnenbrille sehe ich vermutlich aus wie ein schlechter Aushilfs-Hip-Hopper auf Urlaub. Aber die Hitze und der Schweiß sind sehr viel leichter zu ertragen als dieses grelle Licht. Und es könnte mir auch wirklich nichts egaler sein als die deutsche Alte, die mich aus ihrem Fenster im ersten Stock misstrauisch beobachtet. In einem Anfall von Zynismus winke ich ihr zu, und sie verschwindet hinter den Gardinen. Hallo Dortmund, hier bin ich wieder. Und ich habe immer noch keinen Schimmer, was ich als nächstes tun soll.
Ein Kiosk in der Nähe des Hauptbahnhofs reizt meine wunden Augen. Oase der Nikotinsüchtigen. Immerhin ein Anfang. Und hier stehe ich nun, nachdem ich mir zwei Stangen Zigaretten gekauft habe, inhaliere japsend, während mir fast die Kippe aus den zitternden Fingern fällt, und lache über mich selbst.

Es ist schon faszinierend, in wie kurzer Zeit man so kaputtgehen kann. Drei Wochen. Drei verdammte Wochen, und ich kann mich weder vernünftig bewegen noch sehen, meine Gedanken sind verrostet, und mir bleiben die Reflexe einer Wanderdüne.
Zumindest das Angepisstsein klappt aber schon wieder ganz gut. Schließlich ist das meine besondere Stärke, vor allem dann, wenn ich mir etwas selbst zuzuschreiben habe. So wie jetzt. Sich bei Pa zu verkriechen war wirklich mehr als bescheuert. Mit ein bisschen Nachdenken wäre ich da sicher auch rechtzeitig drauf gekommen, aber jetzt ist es nun mal nicht mehr zu ändern. Jetzt muss ich zusehen, wie es weitergeht.
Tatsächlich hätte ich auch überhaupt nichts dagegen, wenn man mich so langsam mal finden würde, wie Seele es so großspurig angekündigt hat. Ein bisschen hatte ich erwartet, dass mich jemand am Flughafen abholen würde. Aber das wäre ja zu einfach gewesen. Ich werde mir also ein Zimmer suchen, das wird wohl das Klügste sein. Nur für den Fall, dass sie mit dem Finden noch bis morgen warten wollen. Eine Jugendherberge, mehr kann ich mir nicht mehr leisten. Auch eigene Schuld, was meine Laune nicht bessert. Ein knappes Gespräch in schlechtem Deutsch mit einem Polizisten weist mir die Richtung.
Der kurze Fußweg bringt mich fast um.

Als ich endlich zwischen lärmenden Jugendlichen im Speisesaal sitze und eine undefinierbare Masse in mich hineinschaufle, die als ‚Linseneintopf’ ausgezeichnet war, fühlen meine Beine sich an, als wäre ich den ganzen Tag mit Bleigewichten herumgelaufen. Drei Kilo. Pro Bein. Mindestens. Meine Waden schmerzen, mein Rücken ist ein Nagelbrett. Und das Neonlicht im Speisesaal ist noch viel schlimmer als das Sonnenlicht draußen, das jetzt langsam mit den Abendschatten verschwimmt. Ich kann mich nicht dazu durchringen, die Sonnenbrille abzusetzen. Gut, dass es einen Fahrstuhl gibt. Die Treppen bis zum Bett wären heute Abend auf jeden Fall ein unüberwindbares Hindernis. Aber auch so bin ich die Allerletzte, die von ihrem Platz aufsteht, und ich schließe noch eine innige Freundschaft mit dem Kaffeeautomaten in der Eingangshalle, bevor ich mich fast eine Stunde später auf den weiten Weg nach oben mache. Ich hoffe wirklich, dass in der Zwischenzeit keine weiteren Personen in mein Zimmer einquartiert worden sind. Ich will heute keine anderen Menschen mehr ertragen müssen, schon gar keine Jugendlichen.
Aber natürlich ist diese Hoffnung vergeblich.

Er wäre mir fast nicht aufgefallen, weil er kein Licht angemacht hat. Erst, als ich schon mitten im Zimmer stehe und mich endlich traue, die Sonnenbrille abzusetzen, wird mir klar, dass ich nicht allein im Raum bin. Er sitzt da, ein Schatten im rötlichen Halbdunkel, auf dem Tisch beim offenen Fenster. Vielleicht hat er nach draußen geschaut, den Sonnenuntergang beobachtet oder die Leute auf der Straße.
Jetzt aber sieht er mich an.
Ein kurzes Nicken, ein wortloser Gruß.
Er hat ein asiatisches Gesicht. Jung, soweit ich das beurteilen kann – ich würde ihn kaum auf zwanzig Jahre schätzen.
Spielt aber keine Rolle, so lange er mich schlafen lässt.
Ich murmele eine Begrüßung und falle auf mein Bett. Dieser Tag war wirklich ekelhaft. Abartig.
„Erbärmlich.“
Der schwere Schlaf bleibt kurz über mir an der Stimme hängen, zerbröckelt und prasselt mir auf den Kopf. Ich bin wieder hellwach, sitze aufrecht im Bett und starre durchs Zwielicht zum Fenster. Der Junge sitzt noch immer da, als hätte er sich nicht gerührt.
„Was hast du gesagt?“
Er schweigt, aber eigentlich muss er sich auch nicht wiederholen. Ich weiß, was er gesagt hat, was er gemeint hat. Und natürlich ahne ich nun auch, dass er nicht einfach irgendein Jugendlicher ist, der mit mir in einem Zimmer wohnt. Im Gegenteil. Ich bin gerade gefunden worden.
Für einen kurzen Moment wird mir kalt.
„Schlaf“, sagt er und steigt vom Tisch, geht zum Bett an der Wand gegenüber. „In diesem Zustand ist jedes Wort an dich Verschwendung.“
Und sprachlos sehe ich zu, wie er sich bis auf die Unterhose auszieht, unter seine Decke kriecht und mir den Rücken zudreht.
An jedem anderen Tag hätte ich vermutlich protestiert oder mich auf sonstige Weise aufgeregt. Und auch jetzt überlege ich – zumindest kurz – aufzustehen und ihm die Meinung zu sagen. Aber noch während ich darüber nachdenke, legt sich der Schlaf schon wieder tonnenschwer auf meine Lider, und ich überlege es mir anders. Für heute ist es egal. Für heute ist alles egal.
Schlafen. Ich kann nicht anders. So weh es tut, der Bengel hat Recht.
Erbärmlich.
Oh ja.
Das ist es.

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